Organ donation.
The gift of life.

Organempfänger: Sexualität und Fertilität

Sexualität und Erotik stehen im Spannungsfeld zwischen Körper und Seele - diesbezüglich sind prägend: die individuelle Persönlichkeit, die Intimsphäre und die sexuellen Erfahrungen, die Einstellung zur Sexualität, die sexuelle Lerngeschichte, erotische Phantasien und die Qualität einer bestehenden Partnerschaft. Bereits in der gesunden Bevölkerung ist der Prozentsatz an sexuellen Problemen hoch mit fast jedem 2. Paar über dem 45. Lebensjahr. 

 

Umso mehr ist die Sexualität beim kranken Menschen störanfällig und wird beeinflusst durch:

Organische Faktoren: körperliche Beeinträchtigung im Rahmen der Grundkrankheit (wie z.B.: bei Leber- und Nierenproblemen), Risikofaktoren (wie: Diabetes, zu hoher Blutdruck, Nikotin), Operationen im kleinen Becken, chronische Schmerzen und auch Nebenwirkungen von Medikamenten (wie z.B.: BetaBlocker, Lipidsenker, Psychopharmaka). 

Psychische Einflüsse: die seelische Einstellung und Stimmung, Depression, Probleme mit dem Selbstwertgefühl, Akzeptanz der Erkrankung, Schuldgedanken, Scham und Rückzug, Kontaktarmut.

Soziale Effekte: Interaktion mit dem Partner, der Familie, Freunden und Bekannten, am Arbeitsplatz. Ganzheit im Körper und in der Funktion wird von der Umgebung als normal und richtig angesehen. Einschränkungen und Abweichungen sind abnormal und falsch – damit wird der kranke Mensch konfrontiert. In Zeiten intensiver Pflege und Betreuung kommt die Sexualität zu kurz.

 

Der gleiche Hintergrund gilt auch für Organempfänger – unabhängig vom transplantierten Organ. Probleme mit Sexualität und Erotik werden vor und nach dem Eingriff nur selten angesprochen; es besteht ein grosses Informationsdefizit. 
 

Herztransplantierte Männer berichteten im Rahmen einer Befragung über Erektionsstörungen und Probleme mit dem Samenerguss, Unsicherheiten bezüglich des körperlichen Erscheinungsbildes, den störenden Einfluss von Medikamenten, Veränderungen in Bezug auf die Libido, die Angst vorm Herztod in Zusammenhang mit dem Geschlechtsverkehr, Depression und Angst bis zum vermeiden jeglicher sexueller Aktivität, und Unsicherheiten in Zusammenhang mit der sozialen Rolle.

 

In jungen Jahren wird Sexualität als selbstverständlich empfunden. Mit den Jahren kommt es zu Veränderungen: 

  • Die sexuelle Lust nimmt ab – es braucht vermehrt die Stimulation mit stärkeren sexuellen oder mechanischen Reizen. 
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  • Die Erektion tritt erst nach einer längeren Erregungsphase ein, die volle Erektionsstärke wird später erreicht und kann nicht mehr gleich lang wie früher aufrechterhalten werden. Die Erholungsphase bis zu einer neuen Erektion verlängert sich. 
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  • Der Samenerguss kann zu schnell eintreten. Die Menge der ausgestossenen Samenflüssigkeit nimmt ab, die Kraft des Ausstosses lässt nach.

 

Beim Mann bleibt die Hormon- und Samenproduktion bis ins hohe Alter erhalten, jedoch kommt es relativ frühzeitig zu einer Abnahme des Hormonpegels: Ab dem 25. Lebensjahr um ca. 1,2% im Jahr. Frauen erleben dagegen mit durchschnittlich 51 Jahren einen abrupten Hormonabfall, die Menopause. Individuell unterschiedlich ausgeprägt, kann der niedrigere Hormonspiegel zu Mangelerscheinungen führen:   

  • Müdigkeit
  • depressive Verstimmung  
  • verminderter Antrieb 
  • nachlassende Libido 
  • abnehmende Konzentration und Gedächtnisstörungen  

Bei dieser Problematik und einem nachweislich tiefen Testosteron-Blutwert wird ein Hormonersatz (über die Haut, in Tabletten- oder Spritzenform) diskutiert . Fast jeder Mann versagt mit der Erektion - ab und zu. Trotz sexueller Lust kommt es zu keiner Erektion. Meist in Verbindung mit Ereignissen und bestimmten Umständen. Wiederholte Erektionsprobleme sind sehr belastend: das Selbstbewusstsein wird in Mitleidenschaft gezogen. Der Leistungsdruck und die Angst vor weiterem Versagen führt zu einem Vermeidungsverhalten, dieses wiederum fixiert und verstärkt das Problem, wirkt sich negativ auf die Erektion aus.

 

Medikamente in Tablettenform verstärken und verlängern die Erektion:

die Gruppe der PDE-5-Hemmer (Viagra, Levitra, Cialis) verzögert den Blutabfluss aus dem Penis, das sublinguale Apomorphin (Uprima) wirkt über eine Stimulation im Sexualzentrum des Gehirns.

Lokal gefässerweiternder Stoff (Prostaglandin E1) aktiviert die Erektion:

Dies kann entweder mit einer sehr feinen Nadel direkt in den Schwellkörper des Penis erfolgen (SKAT). Oder Einbringen des Wirkstoffes in die Harnröhre (MUSE), von wo er in den Schwellköper aufgenommen wird. 
 

Zur Zeit suchen nur 10 bis 15 % aller Männer mit einer Erektionsstörung den Arzt auf. In den letzten Jahren hat sich eine Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten etabliert: neben der Psychotherapie stehen Tabletten, lokal wirkende Substanzen, Vakuumpumpen, Hormonbehandlungen und auch Penisprothesen zur Verfügung. Es gibt keinen Grund, dass der transplantierte Mann nicht aktiv angst- und konfliktfrei Sexualität lebt. Breite Information – ohne Rücksicht auf Alter, partnerschaftlichen Status oder sexuelle Orientierung - soll zu einer Enttabuisierung führen. 
 

Sexuelle Probleme sind auch Beziehungs- und Liebesprobleme - der Partner sollte, wo immer möglich, mit einbezogen werden. Individuelle sexuelle Bedürfnisse sollen angesprochen werden. Konkrete Unterstützung muss gegeben und damit die Kluft zwischen Verlangen und fehlender Funktion überbrückt werden. Sexualität leben gehört zum gesunden Lebensstil wie: gesunde Ernährung, regelmässige Bewegung, ein gutes Stressmanagement, Therapietreue und Verhaltensdisziplin.